Als junge frau mit astrazeneca impfen lassen

Viele sind verunsichert wegen Meldungen über Thrombosen im Gehirn nach Astrazeneca-Impfungen. Bisher sind nur sehr wenige Fälle bekannt, auffällig viele von ihnen sind junge Frauen. Könnte die Anti-Baby-Pille damit zu tun haben? FOCUS Online hat bei Infektiologe Christoph Spinner nachgefragt.

Der kurzzeitig in Deutschland verhängte Impfstopp für das Corona-Vakzin des schwedischen Herstellers Astrazeneca ist aufgehoben. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat die Sicherheit des Impfstoffs erneut untersucht und bekräfigt. Dennoch beschäftigen die aufgetretenen Fälle von seltenen Sinusvenenthrombosen im Gehirn insbesondere junge Frauen weiter.

Infektiologe über Thrombose-Risiko: "Nutzen überwiegt bei weitem"

Im Gespräch mit FOCUS Online warnt der Oberarzt für Infektiologie Christoph Spinner vom Münchner Universitätsklinikum rechts der Isar vor Panik: Ein ursächlicher Zusammenhang der Thrombosen sei zwar nicht abschließend auszuschließen, die Fälle von Blutpfropfen den aktuellen Daten nach aber so selten, dass der Nutzen der Impfung das mögliche Risiko "bei weitem" überwiege.

Dass die Impfung das Risiko für die Anti-Baby-Pille tatsächlich typische Komplikation einer Thrombose in den Beinen oder der Lunge erhöhe, zeige sich demnach nach allem, was man heute wisse, ebenfalls nicht. Mehr zum Thema sehen Sie im Video.

Auch jüngere Menschen können sich mit Astra-Zeneca-Impfstoff impfen lassen. Der Immunologe Carsten Watzl sagt: Das Risiko-Nutzen-Verhältnis ist gut. Menschen unter 35 rät er aber zu einem anderen Impfstoff.

In sehr seltenen Fällen kann es beim Impfstoff Astra-Zeneca zu gefährlichen Nebenwirkung kommen. Die Hirnvenenthrombose ist vor allem bei bei jüngeren Menschen aufgetreten. Das ist auch der Grund, warum die ständige Impfkommission Astra-Zeneca aktuell für Menschen über 60 Jahren empfiehlt.

Astra-Zeneca: eine Risiko-Nutzen-Abwägung

Wenn der Impfstoff bundesweit ohne Altersbeschränkung freigeben wird, könnte sich im Prinzip jeder damit impfen lassen.

Carsten Watzl, Professor für Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund und Generelsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, rät Menschen bis 35 Jahren nach Möglichkeit dennoch zu einem anderen Impfstoff.

"Die Risiko-Nutzen-Abwägung bei dem Astra-Zeneca-Impfstoff ist nicht ganz so ideal. Von daher würde ich Menschen bis 35 Jahren zu einem anderen Impfstoff raten."

Carsten Watzl, Professor für Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund und Generelsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie

Unproblematischer werde der Impfstoff für Menschen ab einem Alter von ungefähr 35 bis 40 Jahren. Hier überwiege der Nutzen das ohnehin geringe Risiko.

Menschen mit Thromboserisiko haben durch den Astra-Zeneca-Impfstoff kein explizit höheres Risiko für die Hirnvenenthrombose. Der Mechanismus sei ein anderer.

Carsten Watzl sagt auch: Es gibt Warnhinweise, die 4 bis 16 Tage nach der Impfung auftreten – starke Kopfschmerzen, anschwellende Arme und Beine, Brustschmerzen oder Einblutungen in die Haut. Dementsprechend könne das ärztlich gut diagnostiziert und behandelt werden.

Impfangebote nutzen

In die Bewertung des Risikos für oder gegen eine Impfung sollten verschiedene Faktoren einfließen – zum Beispiel das Alter, mögliche Vorerkrankungen und die aktuellen Inzidenzen und damit die Wahrscheinlichkeit einer Infektion.

Da das Virus noch weit verbreitet ist, rät der Immunologie aber, Impfangebote zu nutzen. Schließlich sei das auch wichtig für die Herdenimmunität.

"Aktuell ist das Virus noch sehr stark verbreitet. Ich würde jedem raten, wenn er die Möglichkeit hat, sich impfen zu lassen, das auch zu tun."

Carsten Watzl, Professor für Immunologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund und Generelsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie

Für Watzl steht fest: Wir können es uns in der aktuellen Situation nicht erlauben, auf Impfstoffen sitzen zu bleiben. Prinzipiell sei die Impfung um ein Vielfaches sicherer, als sich dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen.

Dabei gehe es nicht nur um das Sterberisiko oder eine Verlegung auf die Intensivstation. Auch Menschen mit leichten Verläufen haben nach der durchgestandenen Infektionen noch lange Zeit Probleme: Das sogenannte Long-Covid. Das sei nicht zu unterschätzen.

Idealer Zeitpunkt für die Zweitimpfung

Bei den meisten Impfstoffen ist eine Verabreichung einer zweiten Dosis empfohlen. Politisch freigegeben ist ein Abstand von Erst- zu Zweitdosis von vier bis zwölf Wochen. Christine Falk, Immunologin an der Medizinische Hochschule Hannover, sagt: Ideal sind zwölf Wochen, dann ist der Schutz am höchsten.

Dafür, dass auch ein kürzerer Zeitraum ermöglicht wird, hat sie aber Verständnis. Zum Beispiel kann es für manche Lebenssituationen sinnvoll oder sogar nötig sein, die Zweitimpfung etwas eher durchzuführen. Das können die Geimpften zusammen mit ihren Ärztinnen und Ärzten besprechen.

Sie rät aber, nicht leichtfertig, den empfohlenen 12-Wochen-Abstand zu reduzieren. Denn neben der etwas geringeren Wirksamkeit stünden damit auch weniger Impfdosen zur Verfügung, die für die Erstimpfung eingesetzt werden können. Und das ist aus Gesamtsicht am wichtigsten: Dass möglichst viele Menschen ihre erste Impfdosis erhalten.

"Wenn ihr könnt, dann geht bitte so nah an die zwölf Wochen ran, wie es geht. Dann schützt ihr euch am besten und wir haben mehr Dosen für die erste Impfung."